Zusammenfassung
Proteste, die sich für progressiven sozialen Wandel einsetzen, stoßen mitunter auf Widerstand durch Gegenproteste, die den Status quo verteidigen – doch wie prägen diese Zusammenstöße die öffentliche Meinung? In dieser Forschung untersuchten wir, ob und wie Gegenproteste die Unterstützung für sozialen Wandel beeinflussen. Wir führten fünf Umfragestudien mit korrelativen und experimentellen Designs in unterschiedlichen sozio-politischen Kontexten durch: pro-demokratische Solidaritätsproteste für Hongkong (Studie 1: N = 311 Studierende in Australien), thailändische Anti-Monarchie-Proteste (Studie 2: N = 269 Thailänder:innen), US-amerikanische Proteste für die Rechte von Migrant:innen (Studie 3: N = 381 US-Amerikaner:innen) und australische Umweltproteste (Studie 4A: N = 129 Australier:innen, Studie 4B: N = 268 Australier:innen). Insgesamt fanden wir Belege dafür, dass Proteste für sozialen Wandel, die durch einen gewalttätigen Gegenprotest gestört wurden, die Besorgnis verstärkten, die Gegenprotestierenden würden die Meinungsäußerungen der ursprünglichen Protestierenden unterdrücken. Dies wiederum ging mit größerer Sympathie für Proteste zugunsten sozialen Wandels einher. Obwohl Gegenproteste häufig darauf abzielen, ein Anliegen zu untergraben, deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass ihre Handlungen ironischerweise mehr öffentliche Anteilnahme für Protestierende für sozialen Wandel fördern könnten. Diese Forschung hat Implikationen für das Verständnis der Dynamik von Protest und Gegenprotest: Sie unterstreicht die Bedeutung, die öffentliche Meinung über einen einzelnen Protestkontext hinaus zu berücksichtigen, sowie die Rolle öffentlicher Einstellungen als treibende Kraft für sozialen Wandel.Zentrale Erkenntnisse
- In Studie 1 (Zusammenstoß auf einem australischen Campus) und Studie 2 (Thailand) berichteten Menschen von mehr Sympathie für systemherausfordernde Proteste, wenn Gegenprotestierende als gewalttätig wahrgenommen wurden. In Studie 1 sagte die wahrgenommene Gewalt des Gegenprotests eine höhere wahrgenommene Unterdrückung der freien Meinungsäußerung voraus (b = 0,61, p < .001), die wiederum größere Sympathie für die Protestierenden in Hongkong vorhersagte (b = 0,18, p < .001; indirekt b = 0,11, 95% CI [0,05, 0,19]). Studie 2 replizierte dieses Muster für die thailändischen Reformproteste (indirekt b = 0,06, 95% CI [0,01, 0,13]).
- Die selbstberichteten Sympathieverschiebungen waren beträchtlich und statistisch robust. In Studie 1 stieg die Sympathie für Hongkong (t(304) = 13,82, p < .001, d = 0,79) und sank für China (t(304) = −18,23, p < .001, d = −1,04). In Studie 2 stieg die Sympathie für die Reformproteste (t(264) = 22,82, p < .001, d = 1,40) und sank für die Anti-Reform-Proteste (t(260) = −15,30, p < .001, d = −0,95).
- Studie 3 zeigte experimentell, dass ein gewalttätiger Gegenprotest weißer Nationalist:innen die wahrgenommene Unterdrückung der freien Meinungsäußerung von Protestierenden für Migrant:innenrechte verstärkte (M = 6,95 gegenüber 3,51) und die Sympathie für den Protest für Migrant:innenrechte erhöhte (Interaktion F(1,376) = 4,10, p = .044). Die Mediation stützte den Pfad über die freie Meinungsäußerung: Ein gewalttätiger (gegenüber einem gewaltfreien) Gegenprotest erhöhte die Unterdrückungswahrnehmung (b = 3,60, p < .001), die mit Sympathie einherging (b = 0,20, p < .001; indirekt b = 0,73, 95% CI [0,45, 1,10]).




