Zusammenfassung
Prozesse sozialer Beeinflussung können bei einzelnen Mitgliedern einer Gruppe erwünschte oder unerwünschte Verhaltensänderungen hervorrufen. Die empirische Modellierung von Gruppenprozessen und die Konzeption netzwerkbasierter Interventionen, die eine erwünschte Verhaltensänderung fördern sollen, sind gewissermaßen eingeschränkt, da die Modelle häufig annehmen, dass die soziale Beeinflussung ausschließlich assimilativ ist und dass die Netzwerke nicht vollständig verbunden sind. Wir stellen eine Methode auf Basis Boolescher Netzwerke vor, die diese beiden Einschränkungen behebt. Im Einklang mit den Prinzipien dynamischer Systeme werden zeitliche Veränderungen im Verhalten der Gruppenmitglieder als ein Boolesches Netzwerk modelliert, das zudem die Anwendung kontrolltheoretischer Konzepte zur Gestaltung von Gruppenmanagementstrategien erlaubt, die die Gruppen in Richtung eines erwünschten Verhaltens lenken könnten. Um den Nutzen der Methode für die Psychologie zu veranschaulichen, wenden wir die Methode der Booleschen Netzwerke auf empirische Daten zum Selbstoffenbarungsverhalten von Personen in mehrwöchigen Therapiegruppen an (N = 135, 18 Gruppen, T = 10 ∼ 16 Wochen). Die empirischen Ergebnisse liefern eine Beschreibung des Selbstoffenbarungs- und sozialen Beeinflussungsmusters jedes Gruppenmitglieds sowie die Identifikation gruppenspezifischer Netzwerkkontrollstrategien, die eine Selbstoffenbarung bei der Mehrheit der Gruppe hervorrufen würden. Von den 18 Gruppenmodellen umfassten 16 sowohl assimilative als auch abstoßende soziale Beeinflussung. Nützliche Kontrollstrategien waren für 10 bereits gut funktionierende Gruppen nicht erforderlich, wurden für 6 Gruppen identifiziert und waren für 2 Gruppen nicht verfügbar. Die Befunde veranschaulichen den Nutzen der Methode Boolescher Netzwerke für die Modellierung des gleichzeitigen Auftretens assimilativer und abstoßender sozialer Beeinflussungsprozesse in Kleingruppen sowie für die Entwicklung von Strategien, die Gruppen in Richtung erwünschter Zustände lenken können, ohne soziale Bindungen zu manipulieren.Zentrale Erkenntnisse
- Diese Studie führt eine Methode auf Basis Boolescher Netzwerke ein, um die zeitliche Dynamik von Verhaltensänderungen in Gruppen zu modellieren, und bietet damit einen neuen Ansatz, um zu verstehen und vorherzusagen, wie sich Prozesse sozialer Beeinflussung im Zeitverlauf entfalten.
- Anders als frühere Modelle berücksichtigt dieser Ansatz sowohl assimilative als auch nicht-assimilative soziale Beeinflussung und kann auf vollständig verbundene Netzwerke angewendet werden, wodurch zentrale Einschränkungen der bestehenden Forschung behoben werden.
- Durch die Anwendung von Prinzipien der strukturellen Kontrolle bietet die Methode einen Rahmen für die Konzeption gezielter netzwerkbasierter Interventionen, um das Verhalten einer Gruppe wirksam in Richtung eines erwünschten Zustands zu lenken (z. B. die Förderung gesunder Gewohnheiten).


















