Zusammenfassung
Die Exposition gegenüber radikalen Inhalten ist ein zentrales Anliegen der Forschung zum gewalttätigen Extremismus, doch die meisten Menschen, die damit in Berührung kommen, befürworten niemals Gewalt. Die vorliegende Studie untersuchte, welche Form der Exposition – das bewusste Engagement mit radikalen Personen und Umfeldern gegenüber der beiläufigen Exposition – mit der Befürwortung politischer Gewalt zusammenhängt, sowie die Rolle einer obsessiven Leidenschaft für eine Ideologie. Vier querschnittliche US-Stichproben (Demokraten, Republikaner, Umweltbefürworter und Muslime; insgesamt N = 924) zeigten, dass das bewusste Engagement, nicht aber die beiläufige Exposition, durchgängig mit der Gewaltbefürwortung assoziiert war. Obsessive Leidenschaft war zuverlässig sowohl mit bewusstem Engagement als auch mit Gewaltbefürwortung verknüpft, während harmonische Leidenschaft dies nicht war. Eine dreiwellige Längsschnittstudie an rechtsgerichteten Amerikanern ( N = 593) verortete diese Kopplung in der Zeit: Innerhalb von Personen sagten obsessive Leidenschaft und bewusstes Engagement einander über Intervalle von sechs Wochen wechselseitig voraus, wohingegen Leidenschaft und Gewaltbefürwortung in keiner Richtung intraindividuelle Dynamiken zeigten – ihr starker Zusammenhang wurde vollständig von stabilen Unterschieden auf Trait-Ebene getragen. Diese Variablen scheinen ein eng gekoppeltes Radikalisierungssyndrom zu bilden statt eines einfachen linearen Pfades von Leidenschaft über Engagement zu Gewalt. Die Befunde stellen Theorien und Interventionen infrage, die einen geordneten Prozess von Motivation zu Gewalt annehmen.Zentrale Erkenntnisse
- Über vier ideologisch vielfältige US-Stichproben hinweg (Demokraten, Republikaner, Umweltbefürworter und Muslime) war das bewusste Engagement – das aktive Aufsuchen radikaler Personen, Umfelder und Inhalte – der einzige Pfad, der obsessive Leidenschaft durchgängig mit der Befürwortung politischer Gewalt verband (signifikanter indirekter Zusammenhang in jeder Gruppe, d. h. Demokraten: B = .41, 95% CI [.20, .65]; Republikaner: B = .33 [.15, .61]; Umweltschützer: B = .15 [.04, .33]; Muslime: B = .68 [.31, 1.08]). Im Gegensatz dazu vermittelte eine beiläufige oder zufällige Exposition diesen Zusammenhang in den meisten Gruppen nicht statistisch signifikant, was darauf hindeutet, dass die Art des Engagements bedeutsamer ist als die bloße Exposition.
- Die Studie betont, dass es die obsessive Qualität ideologischer Leidenschaft ist, nicht die schiere Intensität der Bindung, die mit Radikalisierung verknüpft ist. Harmonische Leidenschaft, die eine ebenso starke, aber ausgewogene Bindung widerspiegelt, war in den meisten Stichproben nicht statistisch signifikant mit Gewaltbefürwortung assoziiert, während obsessive Leidenschaft starke Korrelationen mit der Gewaltbefürwortung zeigte (bei Demokraten: r = .53; Republikanern: r = .47; Umweltschützern: r = .29; Muslimen: r = .57; alle ps < .001).
- Die dreiwellige Längsschnittstudie an rechtsextremen Amerikanern (N = 593) ergab, dass obsessive Leidenschaft und bewusstes Engagement einander innerhalb von Individuen über die Zeit hinweg verstärkten (obsessive Leidenschaft → Engagement B = .25, p = .042; Engagement → obsessive Leidenschaft B = .29, p = .036). Obsessive Leidenschaft und Gewaltbefürwortung zeigten jedoch keine statistisch signifikanten intraindividuellen Dynamiken (ps > .828) trotz starker Kopplung auf Trait-Ebene (Random-Intercept r = .58), was auf ein selbstverstärkendes „Syndrom“ statt auf eine einfache Kausalkette hinweist.
