Zusammenfassung
Ziel dieses Beitrags ist es, die Akkulturationstheorie und -forschung weiterzuentwickeln und voranzubringen, indem die weitgehend vernachlässigte Rolle sozialer Vergleichsprozesse diskutiert wird. Der soziale Vergleich ist ein allgegenwärtiger Prozess, der in mehreren Theorien eine zentrale Rolle spielt, etwa in der Theorie der sozialen Identität, der Equity-Theorie und der Theorie der relativen Deprivation, und der die Wahrnehmung von Diskriminierung, Anspruchsgefühle sowie Akkulturationsstrategien und -anpassungen bestimmen kann. Die Bedeutung sozialer Vergleiche wird zunächst in Bezug auf die Forschung zum Integrationsparadoxon erörtert, die zeigt, dass höher gebildete Immigrantinnen und Immigranten im Vergleich zu geringer gebildeten dazu neigen, mehr Diskriminierung wahrzunehmen und sich stärker vom Aufnahmeland zu distanzieren. Diese Forschung lenkt die Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung relativer Deprivation und auf die strukturellen Aspekte der Akkulturation. Anschließend wird das Potenzial der Berücksichtigung von Vergleichsprozessen für die Untersuchung und das Verständnis von Akkulturationsvariationen über verschiedene Aspekte (z. B. Verhalten, Werte, Identität), Lebensbereiche (z. B. Politik, Arbeit, Familie) und situative Kontexte (z. B. assimilativ, multikulturell) hinweg diskutiert. Darüber hinaus werden die Implikationen sozialer Vergleiche für die Erfassung und Messung von Akkulturationsstrategien und -anpassungen betrachtet. Es wird geschlussfolgert, dass die Akkulturationsforschung davon profitieren wird, die verschiedenen Vergleichsprozesse, in die Individuen und Gruppen bei interkulturellem Kontakt eintreten können, systematischer zu berücksichtigen.Wichtigste Erkenntnisse
- Die Akkulturationsforschung übersieht häufig die entscheidende Rolle des sozialen Vergleichs, eines Prozesses, bei dem Immigrantinnen und Immigranten ihre eigenen Ansichten und ihre gesellschaftliche Position durch den Vergleich mit anderen bewerten, was ihre Wahrnehmung von Diskriminierung und ihre Anpassung beeinflussen kann.
- Das „Integrationsparadoxon“ veranschaulicht dies: Hoch gebildete Immigrantinnen und Immigranten können mehr relative Deprivation empfinden und sich von der Aufnahmegesellschaft distanzieren, weil sie ihre Ergebnisse eher mit ähnlich gebildeten Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft vergleichen und ungerechte Benachteiligungen wahrnehmen.
- Zukünftige Forschung sollte einen differenzierteren Ansatz verfolgen, indem sie berücksichtigt, wie verschiedene Arten von Vergleichen (z. B. mit Angehörigen der eigenen Ethnie, mit anderen Minderheiten oder mit der eigenen Vergangenheit), Lebensbereiche (z. B. Arbeit vs. Familie) und Kontexte (z. B. multikulturell vs. assimilativ) Akkulturationserfahrungen und -ergebnisse prägen.
